Sehr tiefe Karies kann den Zahnnerv, die sogenannte Pulpa, reizen oder entzünden. Viele Patientinnen und Patienten verbinden diese Diagnose sofort mit einer Wurzelkanalbehandlung. Je nach Befund kann jedoch ein zahnerhaltendes Vorgehen möglich sein: Bei einer partiellen Pulpotomie wird nur ein kleiner Teil des entzündeten Pulpagewebes entfernt. Das tiefer liegende, noch erhaltungsfähige Gewebe bleibt im Zahn.
Was ist eine partielle Pulpotomie?
Nach der Entfernung der Karies und der Eröffnung der Pulpa entfernt die Zahnärztin oder der Zahnarzt einige Millimeter des oberflächlichen Pulpagewebes. Anschließend wird geprüft, ob die Blutung kontrolliert werden kann. Das verbleibende Gewebe wird mit einem dafür vorgesehenen Material abgedeckt und der Zahn dicht verschlossen.
Das Ziel ist nicht, eine notwendige Wurzelkanalbehandlung zu vermeiden. Entscheidend ist vielmehr, biologisch erhaltungsfähiges Gewebe zu bewahren, wenn Untersuchung und Behandlungsverlauf dafür sprechen. Ist die Pulpa nicht mehr erhaltungsfähig, kann weiterhin eine Wurzelkanalbehandlung erforderlich sein.
Was zeigt die neue Studie?
Eine am 18. September 2026 veröffentlichte randomisierte klinische Studie untersuchte 139 erwachsene Patientinnen und Patienten mit tief kariösen, bleibenden Backenzähnen. Verglichen wurden zwei biokeramische Materialien für die Abdeckung nach einer partiellen Pulpotomie. Nach 24 Monaten lag die Erfolgsrate in beiden Gruppen bei rund 91 Prozent; zwischen den Materialien zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied.
Für die Einordnung wichtig: Die Studie verglich zwei Materialien innerhalb eines klar festgelegten Behandlungsprotokolls. Sie belegt nicht, dass eine partielle Pulpotomie bei jeder tiefen Karies geeignet ist. Als möglicher Hinweis für die Prognose erwies sich unter anderem, wie rasch die Blutung während der Behandlung kontrolliert werden konnte.
Wann kann das Verfahren infrage kommen?
- Der Zahn ist erhaltungswürdig und kann anschließend zuverlässig dicht versorgt werden.
- Die klinische Untersuchung und gegebenenfalls die Röntgendiagnostik ergeben keinen Befund, der gegen einen Pulpaerhalt spricht.
- Die Blutung aus der Pulpa lässt sich während der Behandlung in einem vertretbaren Zeitraum kontrollieren.
- Regelmäßige Nachkontrollen sind möglich.
Beschwerden allein reichen für die Entscheidung nicht aus. Schmerzart, Dauer, Reaktion auf Kälte oder Wärme, Klopfempfindlichkeit, Röntgenbefund und der tatsächliche Zustand des Gewebes während der Behandlung müssen zusammen beurteilt werden.
Was sollten Patientinnen und Patienten wissen?
Nach einer vitalerhaltenden Behandlung sind Verlaufskontrollen wichtig. Neue oder zunehmende Schmerzen, eine Schwellung oder anhaltende Aufbissempfindlichkeit sollten zeitnah untersucht werden. Auch bei zunächst gutem Verlauf kann später eine weitere Behandlung notwendig werden.
Fazit: Die partielle Pulpotomie erweitert bei ausgewählten tief kariösen Zähnen die Möglichkeiten des Zahnerhalts. Ob sie im individuellen Fall sinnvoll ist, lässt sich erst nach sorgfältiger Diagnostik und häufig erst während der Behandlung beurteilen.
Quelle und Evidenzstatus
International Endodontic Journal, 18.09.2026, PMID 42755412. Randomisierte klinische Studie mit 139 Erwachsenen und 24 Monaten Nachbeobachtung. Aussagekraft: direkte klinische Vergleichsdaten, jedoch eine einzelne Studie mit definierten Ein- und Ausschlusskriterien; keine allgemeine Therapieempfehlung für jeden tief kariösen Zahn.







